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Der gefallene Märchenkönig und die rebellische Kaiserin

Autorenbild: Kathrin Pavic
Kathrin Pavic
9. Aug.
3 Min. Lesezeit


Statue von Kaiserin Elisabeth am Bahnhof von Possenhofen (Bild: K. Pavic)
Statue von Kaiserin Elisabeth am Bahnhof von Possenhofen (Bild: K. Pavic)

Vor zwei Jahren habe ich in den Sommerferien einige Tage in München und am Starnbergersee verbracht.

Dabei kam ich nicht umhin festzustellen, dass Orte, die an König Ludwig II. von Bayern (1845–1886) und seine Cousine Kaiserin Elisabeth "Sisi" von Österreich-Ungarn (1837–1898) erinnern, sich bei Touristinnen und Touristen grosser Beliebtheit erfreuen und regelrechte Anziehungspunkte sind.









König Ludwig II. liess zu Lebzeiten drei Schlösser bauen: Linderhof, Herrenchiemsee und Neuschwanstein. Wobei Schloss Neuschwanstein heute das bekannteste ist und Ströme von Besuchenden anzieht. Das Märchenschloss diente beispielsweise als Vorbild für "Sleeping Beauty Castle" im Disneyland in Anaheim (Kalifornien). Seine märchenhaften Schlösser und seine Vorliebe für die Künste brachten ihm den Beinamen "Märchenkönig" ein.


Schloss Berg am Starnbergersee
Schloss Berg am Starnbergersee (Bild: K. Pavic)

Aufgrund seines exzentrischen Verhaltens und der hohen Schulden, die sein Lebensstil und seine Bauleidenschaft verursachten, liess die bayerische Regierung Ludwig II. am 8. Juni 1886 als "seelengestört" erklären und entmündigte ihn. Der König wurde daraufhin nach Schloss Berg, idyllisch am Starnbergersee gelegen, gebracht und dort festgehalten. Am Abend des 13. Juni 1886 wurden er und sein Leibarzt tot am Ufer des Sees aufgefunden. Es wird gemeinhin davon ausgegangen, dass Ludwig Selbstmord verüben wollte und als der Arzt ihn abhalten wollte es zu einem Gerangel kam, bei dem dieser tödlich verletzt wurde. Die genauen Umstände der Todesnacht sind jedoch bis heute ungeklärt. An der Sterbestelle erinnern ein Gedenkkreuz und eine Votivkapelle an den Tod von Ludwig II.


Ebenfalls am Starnbergersee liegt Schloss Possenhofen, wo Sisi als Kind mit ihrer Familie die Sommerzeit verbrachte. Obwohl sich im Schloss heute Privatwohnungen befinden und es daher nicht öffentlich zugänglich ist, pilgern dennoch zahlreiche Besuchende (so auch die Autorin dieses Textes) in den kleinen Ort, um Fotos des Schlosses oder von der Statue der Kaiserin zu machen, die vor dem Elisabeth-Museum im historischen Bahnhof von Possenhof steht.


Warum üben diese beiden Persönlichkeiten bis heute eine derart grosse Anziehungskraft auf die Menschen aus?


Kaiserin Elisabeth und König Ludwig II. entstammen beide aus dem Hause Wittelsbach und waren Grosscousins, die zeitlebens eng miteinander verbunden waren. Beide waren schillernde Persönlichkeiten, die die Menschen bereits zu ihren Lebzeiten faszinierten, die wegen ihrer Ablehnungen gesellschaftlicher Pflichten und Konventionen aber auch aneckten und als sonderbar und exzentrisch galten. Dass Ludwig II. homosexuell war, gilt heute als historisch belegt und hat bei seiner Entmündigung eine Rolle gespielt.


Im Gegensatz zu den schmalzigen Sissi-Verfilmungen aus den 1950er Jahren mit Romy Schneider in der Hauptrolle, die wenig mit der historischen Figur zu tun haben, aber weiterhin grosser Beliebtheit erfreuen und zum alljährlichen Weihnachtsprogramm wie die Zimtsterne dazu gehören, fokussieren die neueren Filme und Serien auf die Abgründe, das Anderssein und die tragischen Ereignisse, die das Leben von Elisabeth prägten (vgl. "The Empress/Die Kaiserin").


Dies zeigt sich insbesondere auch an den bekannten Musicals über die beiden gekrönten Häupter. Das 1992 in Wien uraufgeführte Musical "Elisabeth" beleuchtet die dunkle und tragische Seite des Lebens der Kaiserin fern des Kitsch-Images. Einerseits wird ihr isoliertes Leben im goldenen Käfig am Wiener Hof, dem sie zu entfliehen versuchte, und andererseits ihre persönlichen Schicksalsschläge wie der frühe Tod ihrer ersten Tochter und der Selbstmord ihres Sohnes, Kronprinz Rudolf, thematisiert. Dies wird durch einen stetigen Tanz mit dem Tod versinnbildlicht. Das Leben des bayerischen Königs wird in "Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies" wie auch in der Neuinszenierung "Ludwig²" auf die Bühne gebracht. In "Ludwig²" stehen sowohl sein Anspruch als König von Gottes Gnaden und die Machtlosigkeit als konstitutioneller Monarch, seine Flucht in die Kunst und Traumwelten wie auch die realen politischen Spannungen seiner Regierungszeit im Vordergrund.


Festzuhalten ist, dass es sich bei den filmischen und musikalischen Umsetzungen jeweils um künstlerische Deutungen handelt, die viel mit dem vorherrschenden Zeitgeist zu tun haben. Die Sissi-Triologie von Ernst Marischka prägte den in den 1950er Jahren beliebten Heimatfilm. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs sehnte sich das Publikum nach idyllischer Natur und romantischen Liebesgeschichten mit Happy-End. Das Leben der jungen Kaiserin wird in den Filmen entsprechend romantisiert und verklärt .


Zur anhaltenden Faszination mit dem bayrischen König und der habsburgischen Kaiserin beigetragen hat zudem, dass beide einen gewaltsamen Tod fanden (vgl. Dark Tourism). Elisabeth kam 1898 bei einem Attentat in Genf um das Leben. Besonders tragisch war, dass der Attentäter, ein italienischer Anarchist, es eigentlich auf den Herzog von Orléans abgesehen hatte und die Kaiserin ein Zufallsopfer gewesen war. Um Ludwigs Tod ranken sich, wie oben erwähnt, zahlreiche Verschwörungstheorien. Diese reichen von einem Mordkomplott bis zu einem gescheiterten Fluchtversuch.


Kaiserin Elisabeth und König Ludwig II. üben bis heute eine grosse Anziehungskraft auf die Menschen aus, weil sie schillernde, exzentrische Persönlichkeiten waren, deren Leben von tragischen Ereignissen und Abgründen geprägt war und ein gewaltsames Ende fanden. Die künstlerischen Inszenierungen in Filmen und Musicals tragen zur Faszination bei und halten die Erinnerung dem vorherrschenden Zeitgeist entsprechend am Leben.






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