• Kathrin Pavic

Der nationale Mythos im kollektiven Gedächtnis

Aktualisiert: 13. Dez 2019


Die Grenze zwischen Mythos und Geschichte ist nicht klar festgelegt. Sie ist fliessend. Reale historische Begebenheit sind einem ständigen Deutungswandel unterworfen und können im Laufe der Zeit leicht mystifiziert werden. Laut Jan Assmann (2007: 52) geschieht dies durch den Prozess des Erinnerns: „Durch Erinnerung wird Geschichte zum Mythos“.

Im Grunde haben Mythen die Funktion, den Anfang der Welt und den Ursprung der Menschen zu erklären. Sie geben Antworten auf die zentralen Fragen der Menschheit und tragen so zur Komplexitätsreduzierung bei. Der nationale Mythos im speziellen dreht sich um die Entstehung der eigenen Nation und deren besondere Stellung in der Geschichte. Indem das Auserwähltsein der eigenen Nation betont wird, grenzt man sich gleichzeitig von anderen Ethnien und Nationen ab:

"Man findet keinen Mythos, in welchem der andere, der Nachbar oder alle Menschen mit einer Mission beauftragt werden. Die Götter küssen nur den eigenen, den auserwählten Stamm." (Olschewski 1998:13-14)

Die Entstehung einer kollektiven Identität geht demzufolge mit der Abgrenzung und Exklusion der „Anderen“ einher. Guy P. Marchal (2001: 123) spricht hierzu von einer chronologischen Abfolge, die „von der Alteritätsbehauptung gegen Andere zur Konzeption einer Identitätsvorstellung im Inneren“ führt. Gegen aussen entstehen Feindbilder, gegen innen wird durch die Betonung einer gemeinsamen Identität ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt. Nationalen Mythen kommt also eine identitätsstiftende Funktion zu. Sie verschaffen der Nation nicht nur eine mythische begründete und legitimierte Existenzgrundlage, sondern sie tragen auch zu der Entstehung eines nationalen Gemeinschaftsgefühls bei. Sie dienen „der Natio-Genese, der Ausbildung und Durchsetzung von Zugehörigkeitsempfindungen“ (Speth 1996: 9). Durch die Betonung der eigenen Mission und des Auserwähltsein kann dem Mythos sogar eine heilsgeschichtliche Dimension zukommen. So wird er quasi in die Nähe des Religiösen gerückt. Zu diesem Bereich gehört auch das messianistische Erlösungsdenken, das von der Erlangung oder Verwirklichung eines freiheitbringenden irdischen Endzustandes unter der Führung einer sozialen oder nationalen Kollektivs ausgeht (vgl. Hillmann 1994: 548). Um die besondere Mission und den Status des Auserwähltsein zu fundieren, nimmt der nationale Mythos Bezug auf ein historisches Ereignis, das in der ferneren, lediglich erinnerten Vergangenheit liegt. Dieses Ereignis muss keineswegs den historischen Tatsachen entsprechen, es wird aber als realitätsnah empfunden und auch entsprechend behandelt. Wie es gedeutet wird, ist konstantem Wandel unterworfen und hängt vom jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Zeitgeist ab:

"Kollektive Erinnerung [wozu nationale Mythen gehören] ist immer an Deutungs- und Bewertungsleistung konkreter Menschen und Gruppen gebunden und vollzieht sich kommunikativ in konkreten Lebensformen." (Knabel 2005: 10)

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs (1985: 35) setzt sich ausführlich mit kollektiver Erinnerung und der Deutung von historischen Ereignissen auseinander. So geht der Begriff des kollektiven Gedächtnisses auf Halbwachs zurück. Er nimmt an, dass jedes Individuum an zwei Arten von Gedächtnissen teil hat: Dem individuellen und dem kollektiven Gedächtnis. Das kollektive Gedächtnis ziehe seine Kraft und Beständigkeit zwar aus der Gesamtheit der Menschen, die einzelne Erinnerungsarbeit leisten indessen die Individuen, die sich als Mitglieder eben dieses Kollektivs erinnern. Als Mitglied einer nationalen Gruppe, trägt jedes Individuum Erinnerungen an für die Nation bedeutende historische Ereignisse in sich:

"Aber ich habe ihnen [als Mitglied der nationalen Gruppe] nicht selbst beigewohnt. Wenn ich sie wieder aufleben lasse, bin ich genötigt mich völlig auf das Gedächtnis der anderen zu verlassen, das hier nicht das meine ergänzt oder verstärkt, sondern das die alleinige Quelle dessen ist, was ich mir von ihnen vergegenwärtigen will." (Ebd. 35)

Halbwachs spricht hier von jenem Gedächtnis, dass der Ägyptologe Jan Assmann auch als kulturelles Gedächtnis bezeichnet. Laut Assmann (2007: 52) überdauert das kulturelle Gedächtnis die Zeit. Es wird anhand von schriftlichen und mündlichen Überlieferungen sowie Riten und Traditionen weitergegeben. Dennoch „vermag sich [auch im kulturellen Gedächtnis] Vergangenheit nicht als solche zu erhalten. Vergangenheit gerinnt hier vielmehr zu symbolischen Figuren, an die sich die Erinnerung heftet.“ Die Erinnerung geht im Laufe der Zeit zwar nicht verloren, sie verschiebt sich aber von einer faktisch erlebten auf eine nunmehr erinnerte symbolische Ebene. Wie Halbwachs weiter oben schreibt, ist man beim Wiederaufleben der nicht selbst erlebten Vergangenheit ausschliesslich auf die Erinnerung Anderer angewiesen. Dabei greift der Rezipient diejenigen Elemente heraus, die in dessen Kontext als am Ausschlaggebendsten erachtet werden. Auf diese Weise ist die Vergangenheit einem konstanten Deutungs- und Wahrnehmungswandel unterworfen. Somit zählt laut Assmann für das kulturelle Gedächtnis nicht die faktische, sondern nur die erinnerte Geschichte. Durch den Prozess des Erinnerns verschwimmen die Grenzen zwischen Mythos und Geschichte.

Bibliographie

Assmann, Jan (2007): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: Verlag C. H. Beck.

Halbwachs, Maurice ([1939]1985): Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Knabel, Klaudia et al. (Hg.) (2005): Nationale Mythen – Kollektive Symbole: Funktionen, Konstruktionen und Medien der Erinnerung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005.

Hillmann, Karl-Heinz (1994): Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.

Marchal, Guy P. (2001): Das Geschichtsbild vom Bauernvolk und der Mythos vom Tell: Alteritätsbehauptung und Auskristallisierung eines Identifikationskerns. In: Gehrke, Hans-Joachim: Geschichtsbilder und Gründungsmythen. Ergon Verlag: Würzburg, S. 119-143.

Olschewski, Malte (1998): Der serbische Mythos: Die verspätet Nation. München: Herbig cop..

Speth, Rudolf/ Wolfrum, Edgar (1996): Politische Mythen – Geschichtspolitik. In: Speth, Rudolf / Wolfrum, Edgar (1996): Politische Mythen und Geschichtspolitik. Konstruktion – Inszenierung – Mobilisierung. Berlin: Centre Marc Bloch, S. 7-16.


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