• Kathrin Pavic

Vom Kategorisieren und Stereotypisieren

Aktualisiert: 13. Dez 2019


Das Image einer Nation, Ethnie oder Gruppe entsteht durch verallgemeinernde Zuschreibungen, die meistens über einen historischen Bezug verfügen. Es handelt sich im eigentlichen Sinne um eine Kategorisierung, die auf der nationalen, ethnischen oder sonstigen Zugehörigkeit einer Person basiert. Mit anderen Worten: Einer Gruppe von Personen werden z. B. aufgrund ihrer Nationalität oder Ethnizität bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben. So gibt es zum Beispiel die prototypischen Bilder des „fleissigen Deutschen“, des „leidenschaftlichen Italieners“ und des „intelligenten Japaners“ (vgl. Bergius/Sodhi 1953: 22–23).

Die Sicht auf eine Person ändert sich durch diesen Kategorisierungsprozess: Sie wird dadurch depersonalisiert und homogenisiert (vgl. Turner 1984: 528). Dies bedeutet, dass eine Person nicht mehr als Individuum, sondern nur noch als prototypischer Repräsentant einer Gruppe wahrgenommen wird und ihr die jeweiligen Gruppenmerkmale zugeschrieben werden (vgl. Hogg 2006: 118–119). Michael A. Hogg (2006: 118) spricht in diesem Zusammenhang von Prozessen der Depersonalisierung und sogar Dehumanisierung:

"Depersonalization means viewing someone as having the attributes of a category – if the attributes are positive (in-group attributes are almost always positive), depersonalization produces favorable perceptions; if they are highly negative and degrading (out-group attributes can sometimes be like this), it may produce dehumanization."

Durch diesen Kategorisierungsprozess werden die Unterschiede zwischen unterschiedlichen Gruppen (respektive die Ähnlichkeit innerhalb derselben Gruppe) hervorgehoben (vgl. Deschamps/Devos 1998: 4). Demzufolge ähneln sich alle sogenannten „out-group members“, was dazu führt, dass sie von aussen mit denselben Attributen beschrieben werden. Hogg spricht hierbei von Stereotypisierung (Hogg 2006: 118–119).

Tatsächlich üben Kategorien und Stereotype ähnliche Funktionen aus. So begünstigen beide Prozesse die Vereinfachung einer komplexen sozialen Umwelt und tragen letztlich zur Reduktion dieser Komplexität bei.

Eine „soziale Kategorie“ und ein „Stereotyp“ unterscheiden sich jedoch aufgrund ihrer Definition. So wird in der Sozialpsychologie von einer sozialen Kategorie gesprochen, „wenn bestimmte Gruppen von Menschen aufgrund von gemeinsamen Merkmalen kognitiv zusammengefasst werden“ (vgl. Rössel/Pape 2010: 2). Stereotype hingegen werden als jene kognitiven Strukturen definiert, „die sozial geteiltes Wissen über die charakteristischen Merkmale von Angehörigen sozialer Kategorien enthalten“ (Eckes 2008: 97).

Ein wichtiges Kriterium bei der Untersuchung von Stereotypen ist das mit ihnen verbundene Werturteil. Dabei ist zu beachten, dass Stereotype nicht per se negativ sind – oder wie Michael Kunczik (1990: 27) dies treffend formuliert: „Das Stereotyp über Stereotype lautet, dass alle Stereotypen schlecht sind – und dieses Stereotyp ist, wie alle anderen auch, eine zu grosse Vereinfachung.“

Henri Tajfel, der in den 1970er Jahren die „social identity theory“ entwickelte, unterscheidet daher auch zwischen neutralen und wertungshaltigen Stereotypen. So könne ein neutrales Stereotypurteil „auf eine bestimmte soziale Gruppe angewandt werden […], ohne dass damit ein positives oder negatives Werturteil verbunden ist“. Als Beispiel führt er hierzu das Stereotyp „Schweden sind gross“ an. Dieses Stereotyp sei nur dann wertfrei, wenn die „Kategorie“ Schwede weder negativ noch positiv besetzt sei. Ist eine soziale Kategorie hingegen stark negativ konnotiert, ändere sich die Sachlage. Es kommt zu einer Änderung bezüglich der Art und Weise wie Merkmale interpretiert werden, die für die betroffene soziale Kategorie typisch zu sein scheinen (vgl. Tajfel 1982: 50).

Besonders negativ konnotierte Kategorien können zu einem Stigma für ihren „Träger“ werden. Erving Goffman (1967 [1975]: 11–12) betrachtet ein Stigma als ein Merkmal, das zutiefst diskreditierend ist.

Bei der Stereotypisierung handelt es sich um einen reflexiven Prozess, denn Auto- und Heterostereoytpe beeinflussen sich gegenseitig. Bo Stråth (2005: 191) betont, dass eine Person, die einer stereotypisierten Gruppe angehört, diese Xenostereotypen möglicherweise in ihr Selbstbild übernimmt. Auf diese Weise würde ein Xeno- allmählich zu einem Autostereotyp. Im „Labelling approach“ wird ein ähnlicher Ansatz verfolgt. Es wird davon ausgegangen, dass z. B. das Etikett „krimininell“, das die gesellschaftliche Umwelt einem bestimmten Akteur verpasst, nicht nur dessen Selbstbild beeinflusst, sondern auch dessen Zukunft beeinträchtigt (z. B. bei der Arbeitssuche) und so letztlich wieder zu neuer Kriminalität führen kann (vgl. Becker 1981).

Veränderter und angepasster Auszug aus Kapitel 4.1.: Pavic, Kathrin (2015): „Da habe ich alles, was Serbisch war, verteufelt.“ Wie gesellschaftliche Diskurse die natio-ethno-kulturellen Zugehörigkeiten von ethnischen Serbinnen und Serben in der Deutschschweiz beeinflussen, Peter Lang: Bern.

Bibliographie

Becker, Howard S. (1981): Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Bergius, Rudolf/Sodhi, Kripal Singh (1953): Nationale Vorurteile. Eine sozialpsychologische Untersuchung an 881 Personen, Berlin: Duncker & Humblot.

Deschamps, Jean-Claude/Devos, Thierry (1998): „Regarding the Relationship between Social Identity and Personal Identity“, in: Worchel, Stephen et al. (Hg.): Social Identity: International Perspectives,London: Sage, S. 1–12.

Eckes, Thomas (2008): „Messung von Stereotypen“, in: Petersen Lars-Eric/Six Bernd (Hg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen, Weinheim/Basel: Beltz, S. 97–106.

Goffman, Erving (1967 [1975]): Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Hogg, Michael A. (2006): „Social Identity Theory“, in: Burke, Peter J. (Hg.): Contemporary Social Psychological Theories, Stanford: Stanford University Press, S. 111–136.

Kunczik, Michael (1990): Die manipulierte Meinung: Nationale Image-Politik und internationale Public Relations, Köln: Böhlau.

Rössel, Jörg/Pape, Simone (2010): „Was ist ein typischer Arbeiter? Stereotype über soziale Schichten“, in: Gruppendynamik und Organisationsberatung, 41 (1), S. 57–71.

Stråth, Bo (2005): „Europe and the Other and Europe as the Other“,in: Baberowski, Jörg/Schriewer, Jürgen et al. (Hg.): Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentation sozialer Ordnungen im Wandel, Frankfurt/New York: Campus Verlag, S. 191–202.

Tajfel, Henri (1982): Gruppenkonflikt und Vorurteil. Entstehung und Funktion sozialer Stereotypen, Bern/Stuttgart/Wien: Verlag Hans Huber.

Turner, John C. (1984): „Social Identification and psychological group formation“, in: Tajfel, Henri (Hg.): The Social Dimension, Vol. 2, Cambridge: Cambridge University Press, S. 518–538.

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